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27.07.07 11:06 Alter: 5 Jahre

Helden des Alltags

 


Compassion (Mitleid) und soziales Engagement – auch wenn mancher ein ganz anderes Bild von der heutigen Jugend haben mag – für unsere Schüler sind dies keine Fremdwörter. Im Gegenteil, weit über hundert Schülerinnen und Schüler laufen auf Initiative des SMV für ein Hilfsprojekt in Afghanistan und sammeln über 10000.- Euro und unsere Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse engagieren sich im so genannten Sozialpraktikum für Senioren, Behinderte, Jugendliche mit Migrationshintergrund, Kinder ...  

I. Ein paar Zitate


"Die Kleinen haben gefragt, kommst du nächste Woche wieder? Da habe ich gesagt, nein, ich muss wieder in die Schule. Da haben sie gefragt: Wann bist du mit der Schule fertig. Ich habe gesagt, dass ich so um halb zwei zuhause bin. Darauf ein Mädchen: Ich geh um zwei, da kannst du ja noch für ne halbe Stunde vorbei kommen." (Moritz, Kindergarten)
 "Es ist voll komisch, wenn man da zum ersten mal hinkommt. Eine große Mauer, eine Sicherheitsschleuse, man wird richtig durchsucht und hört hinter der Mauer nur glücklich herumtobende Kinder." (Simone, jüdischer Kindergarten)
"Mir ist voll aufgefallen, dass die jüdischen Kinder viel höflicher sind, als unsere Kinder. Die sagen zwar auch oft: "Mit dem mag ich nicht spielen!", aber wenn man ihnen dann sagt, dass das nicht gut ist, dann entschuldigen sie sich sofort ..." (Simone, jüdischer Kindergarten)
"Manche sind ja sehr dankbar, aber dann gab es auch Leute, die waren richtig unverschämt, die haben einfach in die Kisten mit Essen gegriffen, gemosert, dass die Sachen nicht gut genug sind ..." (Julian, Münchner Tafel)
"Da gab es Jugendliche, die verstehen nicht mal, wie man "Vier-gewinnt" spielt. Andere waren durchaus intelligent, aber die leben schon in der vierten Generation von Sozialhilfe, die fördert keiner, denen hilft keiner ..." (Konstantin, Praktikum in einem Jugendzentrum am Hasenbergl)
"Wenn die Sinti da waren, dann kamen die Türken nicht und umgekehrt." (Konstantin, Praktikum in einem Jugendzentrum am Hasenbergl)

II. Das Konzept

Soziales Lernen und Compassion

Viel wird in der Gegenwart über die so genannten "social skills" geredet. Die Wirtschaft fordert sie ein, klagt über Berufseinsteiger, denen es nicht gelinge, sich in Gruppen richtig einzuordnen, da sie sich selbst und ihre Wirkung auf andere nicht richtig einschätzen können. Doch es ist nicht nur die Wirtschaft, die klagt, die Jugendlichen selbst spüren diese Defizite und leiden oft darunter. Doch wo ist innerhalb der Schule der Platz und die Zeit für soziales Lernen?
Parallel dazu scheint das Verständnis für Menschen in anderen Lebenslagen (Alte, Behinderte, Hartz IV-Empfänger, Familien mit Kindern ...) immer weiter abzunehmen. Unsere Gesellschaft, so ist immer wieder zu lesen, driftet auseinander, compassion fehle, die Fähigkeit mit zu leiden, sich für Schwächere zu engagieren und gerade auch in der Schule nimmt der Leistungsdruck und parallel dazu das Konkurrenzdenken und eine "Jeder muss sehen, wo er bleibt" - Mentalität zu.
Dies sind bedenkliche Phänomene, gegen die etwas unternommen werden sollte. Und so ist es kein Wunder, dass ein Manager, der seinen Platz hinter dem Schreibtisch verlässt, um eine Zeit lang etwa bei der Münchner Tafel mit zu arbeiten, als positives Beispiel in den Tageszeitungen erscheint. Doch, was anderenorts eine Ausnahme ist, hat bei uns Tradition. Deshalb gibt es am Gymnasium Neubiberg kein Betriebspraktikum, sondern seit vielen Jahren das so genannte Sozialpraktikum, an dem alle Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse teilnehmen. Es dient dem sozialen Lernen und der Förderung von compassion.

Ziele

  • Zuerst sei hier nochmals betont: Lassen Sie sich bitte nicht durch den Begriff Praktikum täuschen, denn uns geht es nicht um Berufsvorbereitung. Vielmehr ist es unser Ziel, soziales Bewusstsein zu vermitteln und soziales Lernen zu fördern.
  • Wir wollen, dass unsere Schülerinnen und Schüler lernen, mit Menschen aus anderen sozialen Schichten, in anderen Lebenslagen und in anderem Alter zu kommunizieren.
  • Darüber hinaus sollen unsere Schülerinnen und Schüler, die sich im Schulalltag vor allem mit intellektuellem Wissen beschäftigen, ihre eigene Wahrnehmung schärfen, um eigene Vorurteile und Klischees zu hinterfragen und ihnen konsequent zu begegnen.
  • Und nicht zuletzt wäre es ideal, wenn sie für das Schicksal und Leben anderer Menschen so sensibilisiert würden, dass sie verstehend Anteil nehmen können, ohne die für gelingendes Helfen notwendige Distanz zu verlieren.

 

III. Praxis


Vorbereitung

Natürlich sollen unsere Schülerinnen und Schüler nicht unvorbereitet ins Praktikum gehen. Deshalb gab es vor Beginn des Praktikums einige Kurse für sie:

  • Selbst- und Fremdwahrnehmung
    Der Titel verrät es: Dieser Kurs diente der Reflexion der eigenen Person und Rolle in der bestehenden Klassengemeinschaft ebenso wie der Reflexion gruppendynamischer Prozesse in der Klasse. Er wurde durchgeführt durch Frau Ilka Massow-Hartmann von der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt Neubiberg.
  • Pflege
    Dieser Kurs unter der Leitung von Frau StRin z.A. P. Lang vermittelte notwendige Grundkenntnisse (z.B. Blutdruckmessen) und Verhaltensregeln für alle, die ihr Praktikum im medizinischen Bereich verbrachten.
  • Naturwissenschaftliches Experimentieren
    Alle Schüler, die in den Kindergarten gingen, sollten nicht mit leeren Händen dastehen. Sie übten unter der Anleitung von Frau StDin W. von Oelffen und Frau Lass C. Lennert kleine naturwissenschaftliche Experimente ein und sollten so etwas Essentielles lernen: Komplexe Sachverhalte in einfacher, anschaulicher Art darzustellen.


Begegnungen – Bewusstsein schaffen

Das Sozialsystem der Bundesrepublik, Hartz IV, Ausländerintegration – Themen wie diese spielen im Schulalltag eine untergeordnete Rolle. Sie werden wenn, dann oft nur im intellektuellen Diskurs behandelt, doch, was es wirklich bedeutet, von Hartz IV zu leben, das können sich die meisten nicht vorstellen. Entsprechend häufig stößt man im Schulalltag im Gespräch über soziale Fragestellungen auf eine Mischung aus Unwissenheit, Unsicherheit und Vorurteilen. Um diesem Phänomen entgegen zu wirken, wurde in diesem Jahr die Reihe "Begegnungen" ins Leben gerufen.
Experten, denen wir zutiefst zu Dank verpflichtet sind, kamen und berichteten aus dem Alltag:

  • Herr Fisch (Landratsamt) machte den Schülerinnen und Schülern deutlich, wie schnell es zum gesellschaftlichen Abstieg auch scheinbar gut situierter Bürger kommen kann. Er räumte unter anderem mit dem Vorurteil auf, dass man von Hartz IV prima leben könne, nichts mehr tun müsse ...
  • Frau Frank (Landratsamt) berichtete unter anderem von Senioren, psychisch Kranken, die ohne Hilfe nicht mehr allein leben können, die Hilfe bräuchten, diese aber nicht bekommen, zum Teil auch verweigern ...
  • Frau Kohnke (Streetworkerin in Neuperlach) gab einen Einblick in ihre Arbeit mit rivalisierenden Jugendcliquen, straffälligen Jugendlichen, Jugendlichen, die scheinbar keine Perspektive mehr für sich sehen ...
  • Herr Krug (Landratsamt) stellte unter anderem dar, welche Konsequenzen Erziehungsdefizite haben können, wenn etwa Eltern nicht auf den Medienkonsum ihrer Kinder achten ...
  • Frau Hüttis (Leiterin des Stifts Brunneck) führte ein in den Alltag im Altenheim, angefangen von den Preisen eines Zimmers bis hin zu praktischen Tipps im Umgang mit Alten.

 

IV. Dank


Gedankt sei:

  • Frau OStRin S. Bucher, Frau StRin z.A. E. Fürst, Frau StRin B. Mc Mahon, Frau StRin Dr. S. Kubik-Heindl und Herrn StD. H. Plank für die Begleitung unserer Gastreferenten.
  • Frau StDin W. v. Oelffen für die Konzeption des Kurses "Naturwissenschaftliche Experimente"
  • Frau StRin z.A. P. Lang für die Konzeption des Kurses "Pflege"
  • Frau Rank für die vielen Schreiben und Telefonate
  • Dem Arbeitskreis Schulentwicklung unter der Leitung von Herrn StD M. Mühlbauer und dem Elternbeirat für die Mithilfe und Unterstützung bei der Entwicklung des Gesamtkonzepts
  • Frau OStRin S. Bucher für Beratung und Supervision

  • und ganz besonders: Allen Institutionen, die bereit waren, Schülerinnen und Schüler von uns aufzunehmen.

 

Dr. Th. Rübig